Gemeinde Oder – untergegangen im Steinberger See?

 

„Mit Wirkung ab 1.Juli 1961 wird die Gemeinde Oder in die Gemeinden Wackersdorf und Steinberg eingegliedert…“. So beginnt das offizielle Schreiben des Staatsministeriums des Inneren, unterzeichnet vom damaligen Staatsminister und späteren Ministerpräsidenten Alfons Gopppel, das die freiwillige Auflösung einer der flächenmäßig größten Gemeinden des Landkreises Burglengenfeld besiegelte. Dabei kam der Gebietsteil Heselbach mit knapp 70 Hektar nach Wackersdorf, die übrigen Ortsteile Oder, Haid, Hirmerhaus, Holzheim, Jobsthof, Spitalhaus und Waldheim mit 1795 Hektar nach Steinberg. Ein Jahr zuvor hatte der Großteil der Bevölkerung die Eingliederung nach Steinberg beantragt, der Oderer Gemeinderat – bestehend aus Bürgermeister Woppmann, 2.Bürgermeister Johann Hauser sowie den Gemeinderäten Franz Hauser, Josef Sieß, Andreas Spandl, Rudolf Paulus und Georg Scharf hatte dies mit 5:2 beschlossen, der Steinberger Gemeinderat war am 28.11.1960 damit einverstanden. Heselbach wollte als eigenständige Gemeinde mit damals 238 Einwohnern auf 70 Hektar weiter bestehen, was das Ministerium als „Zwerggemeinde“ ablehnte und eine Eingliederung nach Wackersdorf anordnete. Das Gemeindegebiet Steinbergs umfasste zu diesem Zeitpunkt 325 Hektar, das heißt, dass Oder mit seinen 836 Einwohnern flächenmäßig fast sechsmal so groß war als Steinberg. Zum Vergleich: das Gemeindegebiet Wackersdorf war mit 1717 Hektar und 2913 Einwohnern ebenfalls kleiner!

Was waren aber 1961 die Gründe für die freiwillige Auflösung? In erster Linie waren es wohl finanzielle Gründe, da man nicht mehr gewährleisten konnte, die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Bleiben wir bei der jüngeren Geschichte, schauen noch ein paar Jahre zurück, in das Jahr 1954, als der Heselbacher Wasserkrieg seinen Anfang nahm und sogar für Schlagzeilen in der Süddeutschen Zeitung sorgte. In diesem Jahr 1954 traten Leonhard Woppmann, Andreas Schwarzenberger, Andreas Spandl, Georg Haller und Josef Faderl an die Gemeinde Wackersdorf heran und baten um Erlaubnis, Heselbach an die Wackersdorfer Wasserversorgung anschließen zu lassen., denn man hatte ein neues Schulhaus, das man aber nicht eher eröffnen durfte, bis die Wasserversorgung geklärt sei. Doch Wackersdorf lehnte dieses Ansinnen aus verschiedenen Gründen zunächst ab. Die verzweifelten Oderer wandten sich an das Landratsamt Burglengenfeld, denn die BBI, die seit 1950 zweimal in der Woche mit Trinkwasserfahrzeugen Heselbach versorgt hatte, stellte am 15.12.1955 diese Lieferung ein. Einen Tag zuvor hatte das Landratsamt verfügt, dass Wackersdorf diesen Anschluss dulden muss, vor allem wegen des Schulbetriebs. Die Wackersdorfer wehrten sich vehement gegen den ihrer Meinung nach gravierenden Eingriff in das Selbstverwaltungsrecht. Unter Bürgermeister Simbeck tagte man bis nach Mitternacht. Und einen Tag später ruderte der Landrat zurück und meinte, dass „die sofortige Vollziehbarkeit nicht mehr gerechtfertigt“ sei. Jetzt war der Krieg zwischen Wackersdorfer und Oder voll entbrannt! So wurden wie meistens in solch verfahrenen Situationen die Gerichte bemüht. Es wurde die Klage Wackersdorfs gegen Oder abgewiesen. Drei Monate diskutierte man im Wackersdorfer Gemeinderat, ob man dieses Urteil annehmen könne oder ob man in die nächste Instanz gehen soll. Schließlich entschied man sich für einen Vertrag mit Oder. Man wollte spätestens bis zum 31.12.1961 Wasser liefern, bis Oder eine eigene Wasserversorgung aufgebaut hat. Wie erbittert dieser „Wasserkrieg“ ausgetragen wurde, zeigt ein Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 3.1.1956:“Die Heselbacher hatten inzwischen zu graben begonnen und näherten sich bedrohlich der Wackersdorfer Leitung. Da erschien am 19.Dezember die Polizei auf dem Plan und sammelte ohne viele Worte das Werkzeug der Bauarbeiter ein… Der Landrat versuchte, die beiden Parteien zu einer gütlichen Einigung zu bewegen, aber die Wackersdorfer gaben nicht nach. Sie erklärten sich lediglich bereit, die Nachbargemeinde mit Tankwagen zu beliefern. Zu einem Kubikmeterpreis von 2.50 Mark (in München 20 Pfennig!). Außerdem verlangten sie, dass die Oderer ihren Graben wieder zuschütten“.

In dieser Zeit beantragte die Gemeinde Steinberg die Eingliederung der Schüler aus Oder, Waldheim, Spitalhaus, Holzheim und Haid in die Steinberger Schule. Dasselbe beantragten die Wackersdorfer für die Schüler aus Wackersdorf-Ost, so dass die Schülerzahl auf 46 sank und die Regierung die Schließung der nagelneuen Schule verfügte. Als am 7.Oktober 1961 der Wackersdorfer Oberinspektor Riedl mit Gemeindearbeitern Möbel abholen wollte, wurde er von der erregten Heselbachern regelrecht in die Flucht geschlagen. Doch am Nachmittag tauchte man wieder auf – mit 12 Polizisten und einem Vertreter des LRA. Wie in Wildwestfilmen läuteten die Heselbacher mit ihrer Kirchenglocke Sturm. Die Einwohner liefen eilends zusammen, konnten aber die Räumung nicht verhindern. Zurück blieb eine wütende Menge und zerbrochene Fensterscheiben, die man voll Wut eingeworfen hatte.

Nach diesem im Abstand der Zeit teilweise amüsanten Schilderung der neueren Zeit zur Geschichte. Nach meinen Forschungen wurde Oder wohl im Urbar 1240 als „Ode“ erstmals erwähnt. Bereits im 16.Jahrhundert wird von einem Ober-, Unter- und Mitteloder berichtet. 1503 gibt es schon eine Hauptmannschaft, wobei damals noch Grafenricht, Heselbach, Holzheim, Wackersdorf und Brückelsdorf zu Oder gehörten. Im 30-jährigen Krieg wird von Oder erwähnt, dass es „jetzo öd“ ist und nicht wenige umgekommen sind. Machen wir einen Sprung ins Jahr 1818, als politische Gemeinden gebildet wurden. In Oder wählte man den Söldner Georg Pirzer aus Heselbach zum Gemeindevorsteher. Um sich eine Größenvorstellung zu machen: 1840 hatte die Steuergemeinde in den drei Oder 14 Besitzer, in Heselbach 9, in Holzheim 7 und je einen in Hirmerhaus, Spitalhaus, Haid, also insgesamt 33 Besitzer bzw. Häuser.

Holzheim – ein Ort, der von der Landkarte getilgt ist und an den nur noch eine Gedenktafel des Stammtisches Weißblau in der Nähe des Yachtclubs erinnert. Holzheim ist bzw. war wahrscheinlich älter als Steinberg, denn schon 1150 finden wir in den Notizen des Klosters Prüfening den Ort, wobei es immer schwierig ist, unser Holzheim und Holzheim am Forst auseinander zu halten. In dem bereits erwähnten Musterungsbuch von 1503 sind der

Hauptmann Niclas Plössel, Michl Rözer, Lindl Schneider und Kunz Prantl genannt. Ein weiterer Name ist Hans Crämel, der im 30-jährigen Krieg sein Leben verlor.1788 gehörte Holzheim zur Hofmark Ettmannsdorf und hatte drei Untertanen.1801 wird es so beschrieben: Das Dorf gehört zur Pfarrei Wackersdorf und zum Landgericht Schwandorf. Der Zehent gebührt daraus zu 2/3 dem Domkapitel in Regensburg und zu 1/3 der Pfarrei Wackersdorf. Es befinden sich dort 7 Mannschaften, nämlich 4 Halbbauern,2 Leersöldner und 1 Hirthaus, wobei vier der Hofmark Ettmannsdorf unterstehen.1854 lebten hier 7 Familien:

Wie sah es nun in Waldheim aus, ein doch recht neuer Ortsteil. Das ältere Waldheim beim früheren Loiblweiher umfasste 4 bzw. 6 Häuser, von denen noch eines steht, nämlich das Bückert-Anwesen, das sogenannte Rester-Haus. Die Richterstraße bildete damals die „Demarkationslinie“ der beiden Gemeinden, rechts Steinberg, links Oder!

Das Hirmerhaus war in der Hand der Familie Kiendl, dann Familie Höfler und 1952 erwirbt der Landwirt Xaver Hummel mit seiner Ehefrau ,Tochter des Steinberger Bürgermeisters Dirmeier (Wenzl), das Anwesen und ist heute in der dritten Generation im Familienbesitz der Hummels.

Haid scheint der älteste Ortsteil in unserer Region zu sein, denn 1026 schon gibt es die erste Nennung, obwohl ich persönlich dies bezweifle. Manchmal ist es auch als Ottenfeld

überliefert, so 1840 als Haid im Ottenfeld, bewohnt von der Forstwartswitwe Theresia Bittlinger, dessen Ehemann 1799 die Gebäude neu errichtete, wobei man vermutet, dass man zuvor im Haus nebenan wohnte, das jetzige inzwischen abgerissene Fink-Haus. Jedenfalls war die Haid ein Gebäude der königlichen Revierförster bzw. Sitz des Försters für die Schwandorfer Spitalwaldungen. Übrigens wohnten im Jahr 1900 17 Personen in den beiden Häusern.

Nicht unerwähnt bleiben darf der Jobsthof, bei dem 1876 ein Peter Seidl erwähnt ist, u.a. später auch Johann und Anna Schwarzenberger, aber auch meine Urgroßmutteer Anna Wagner mit ihren Kindern Ludwig, der 1945 fiel, sowie Anna, Margarete, Josef, Xaver und Maria.

Der am weitesten entfernte Ortsteil ist Spitalhaus, das – wie der Name schon verrät – lange, lange Zeit Wohnung der Spitalförster war. Zuvor gehörte es zum Schlossgut Fronberg. Weil aber Ullrich Fronberger nicht zahlen konnte, trat er es an das Spital ab. 1871 wütete dort ein Brand und sieben Jahre später noch einmal .In jüngerer Zeit ging es an die Obermeiers, nachdem zuvor ein Schwarzenberger darauf war.

Auch wenn von Heselbach schon viel die Rede war, noch ein paar Worte. Der Bestand reicht bis ins Mittelalter. Es waren wohl acht bzw. zehn Anwesen, die direkt der Gerichtsbarkeit des Landgerichts BUL unterstanden. Die Zehenten mussten zu 2/3 dem Spital in SAD und zu 1/3 der Pfarrei Wackersdorf gereicht werden. Das bereits mehrmals erwähnte Musterungsbuch von 1503 führt aus, dass Heselbach 7 Mann stellen musste. Im 30-jährigen Krieg erging es den Heselbachern besonders schlecht, denn in einer Beschreibung von 1635 heißt es: “Heselbach ist ganz öd“, d.h. es gab keine Einwohner mehr und die Namen Reußler, Sergel, Kreuzöder und Windisch finden wir nachher in Heselbach nicht wieder, auch nicht als Hausname.

Nach dieser kurzen Häusergeschichte noch ein Blick auf die Oderer Kapelle: Sie stand gegenüber der Gastwirtschaft Oder und wurde am 29.September 1969 abgebrochen. Der Altar war viele Jahre verschollen, bis ihn der jetzige Gastwirt Josef Haller dem Steinberger Museum „vermachte“ und der HAK ihn sehr aufwändig restaurieren ließ. Heute ist er das Schmuckstück unseres Sakralraumes. Gestiftet wurde er nach der Überlieferung vom ledigen Bauern Peter Retzer. Um einen Pater aus Altötting für die Weihe zu bekommen, ritt er mit dem Pferd dorthin. Die Bitte wurde erhört. Als dieser Peter Retzer, der auch für Wackersdorf stiftete, starb, verpflichtete er seine beiden Brüder Georg und Michael, eine Glocke anzuschaffen. Diese wurde 1860 geweiht. Im Knerer-Anwesen gibt es heute wieder einen Glockenturm mit dem alten Glöcklein. Bei der Oderer Kirwa oder beim Wandertag der Concordia wird auch noch ein Gottesdienst zelebriert.